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Warum Loslassen sich manchmal falsch anfühlt

  • 24. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Sie hat die Nummer gelöscht.

Die Fotos aussortiert.

Die Chats archiviert.


Und trotzdem sitzt sie jetzt auf dem Sofa und starrt auf ihr Handy. Nicht weil sie schreiben will, sondern weil ein Teil von ihr hofft, dass etwas passiert. Eine Nachricht. Ein Zeichen. Irgendetwas, das dieses unangenehme Gefühl beendet. Eigentlich müsste es doch besser sein.

Die Entscheidung war richtig. Der Kontakt tat nicht gut. Die Situation war längst überfällig.


Warum fühlt es sich dann schlimmer an als vorher?


Genau an diesem Punkt beginnen viele Menschen, an sich selbst zu zweifeln.

Sie halten den Schmerz für ein Warnsignal.

Dabei ist er oft einfach ein Zeichen dafür, dass etwas Vertrautes endet.

Und das sind zwei völlig verschiedene Dinge.


Wenn du gerade versuchst loszulassen und dich fragst, warum sich das so falsch anfühlt, bist du damit nicht allein.


Tatsächlich erleben viele Menschen genau dann die größte Verunsicherung, wenn sie beginnen, etwas loszulassen, das ihnen lange Orientierung gegeben hat.


Bevor wir weitermachen, habe ich eine kleine Übung für dich.

Keine große Erkenntnis. Keine Wunderlösung.


Vielleicht nimmst du dir an dieser Stelle zwei Minuten Zeit. Nicht zum Loslassen, sondern zum Hinspüren.

Dazu habe ich eine kurze Übung aufgenommen: „Du kannst nicht loslassen, wenn du dich selbst nicht spürst




Warum dein Nervensystem Veränderung nicht automatisch als etwas Gutes erkennt

Stell dir vor, du läufst seit Jahren denselben Weg zur Arbeit.

Eines Morgens wird die Straße gesperrt. Der neue Weg ist vielleicht sogar schöner. Trotzdem fühlt er sich zunächst falsch an. Du suchst automatisch nach Orientierung. Nach bekannten Punkten.

Nach etwas, das dir signalisiert:


„Hier kenne ich mich aus.“

Genau so funktioniert unser Nervensystem.

Es liebt Vorhersagbarkeit. Nicht weil Vorhersagbarkeit immer gesund wäre, sondern weil sie Sicherheit verspricht. Deshalb bleiben Menschen manchmal in Beziehungen, die ihnen nicht guttun. Deshalb halten sie an Rollen fest, die sie erschöpfen. Deshalb fällt es so schwer, alte Muster zu verlassen.


Das Vertraute fühlt sich sicher an.

Auch dann, wenn es längst nicht mehr gut für uns ist.


Genau darüber habe ich bereits im Artikel „Warum Ruhe für dein Nervensystem ungewohnt istgeschrieben. Denn viele Menschen sehnen sich nach Frieden und reagieren gleichzeitig mit Unruhe, sobald er eintritt.



Der Denkfehler, der viele wieder zurückgehen lässt

Ein Satz taucht in solchen Phasen immer wieder auf:


"Wenn ich es so sehr vermisse, kann es doch nicht falsch gewesen sein."

Das klingt logisch. Ist es aber nicht unbedingt. Menschen vermissen nicht immer das, was gut für sie war.

Oft vermissen wir nicht die Person selbst, sondern das Gefühl, das wir mit ihr verbunden haben.

Genau diesen Unterschied beschreibe ich ausführlicher im Artikel:


Eine Klientin sagte einmal:

"Ich vermisse ihn jeden Tag. Aber wenn ich ehrlich bin, vermisse ich nicht die Beziehung. Ich vermisse das Gefühl, nicht alleine entscheiden zu müssen."

Dieser Unterschied verändert alles. Denn plötzlich geht es nicht mehr um die andere Person, sondern um das Bedürfnis darunter. Um Sicherheit. Orientierung. Zugehörigkeit. Vertrautheit.

Genau deshalb fühlt sich Loslassen oft wie Entzug an.

Nicht weil die Verbindung gesund war, sondern weil sie vertraut war.



Was die meisten über Loslassen missverstehen

Viele Menschen glauben, sie müssten aufhören zu fühlen. Keine Sehnsucht mehr haben.

Keine Traurigkeit. Keine Zweifel. Erst dann hätten sie wirklich losgelassen. Doch genau das setzt viele unter Druck. Loslassen bedeutet nicht, dass Gefühle verschwinden. Loslassen bedeutet, dass Gefühle da sein dürfen, ohne dass sie die Richtung bestimmen.


Vielleicht kennst du das: Du vermisst jemanden.

Und gleichzeitig weißt du, dass ein Zurückgehen dich wieder an denselben Punkt bringen würde.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.


Du kannst traurig sein und trotzdem die richtige Entscheidung getroffen haben.

Du kannst zweifeln und trotzdem auf dem richtigen Weg sein.

Du kannst jemanden vermissen und dennoch erkennen, dass die Verbindung dir nicht gutgetan hat.


Das ist keine Schwäche. Das ist menschlich.



Du trauerst oft nicht nur um Menschen

Manchmal trauern wir gar nicht um die Person. Wir trauern um eine Vorstellung. Um eine Zukunft, die wir uns ausgemalt hatten. Um ein Bild im Kopf. Um die Version unseres Lebens, die vielleicht nie Wirklichkeit geworden wäre. Das macht Loslassen so schmerzhaft.

Wir verabschieden uns nicht nur von dem, was war, sondern auch von dem, was hätte sein können.


Manchmal trauern wir um eine Zukunft, die nie entstanden ist. Um einen Lebensentwurf, der still zerbrochen ist.


Wenn dich dieser Gedanke berührt, könnte auch dieser Artikel für dich interessant sein:

Und genau darüber wird erstaunlich selten gesprochen.


Viele Lebenskrisen entstehen nicht durch das, was passiert ist. Sondern durch das, was nie passieren wird.

Der Kinderwunsch, der unerfüllt bleibt. Die Beziehung, die nicht geworden ist, was man sich erhofft hatte. Die Familie, die man nie hatte. Der Lebensweg, den man irgendwann aus den Augen verloren hat.

Auch das sind Abschiede. Auch das ist Trauer.


Wie du erkennst, dass du bereits mitten im Prozess bist

Die meisten Menschen erwarten Fortschritt in Form von Erleichterung. Doch Veränderung zeigt sich oft viel leiser. Vielleicht denkst du noch an die Person. Aber du schreibst nicht mehr.


Vielleicht bist du traurig. Aber du verlierst dich nicht mehr stundenlang in Fantasien.

Vielleicht kommen die Zweifel. Aber sie bestimmen nicht mehr deinen ganzen Tag.


Veränderung zeigt sich oft in den Momenten, in denen du anders reagierst als früher.

Nicht perfekt. Aber bewusster.



Carta Klartext: Loslassen fühlt sich nicht immer wie Freiheit an.

Manchmal fühlt es sich zuerst wie Verlust an. Wie Leere. Wie Orientierungslosigkeit.

Wie ein Fehler.


Und genau deshalb gehen viele Menschen zurück. Nicht weil das Alte besser war, sondern weil es vertraut war.


Das Problem ist:

Vertrautheit wird oft mit Sicherheit verwechselt.

Und Sicherheit mit Liebe.


Doch nicht alles, was sich vertraut anfühlt, tut dir gut.

Manches hält dich nur dort fest, wo du längst nicht mehr sein möchtest.


Du vermisst nicht immer das, was du loslassen sollst.

Manchmal vermisst du nur die Gewohnheit, daran festzuhalten.


Einer der entlastendsten Momente überhaupt ist oft nicht die Lösung.

Sondern festzustellen, dass andere Menschen an ganz ähnlichen Punkten stehen und dass sie dieselben Fragen haben. Dieselben Zweifel. Dieselben inneren Kämpfe.

Wenn du beim nächsten Mal dabei sein möchtest und mit anderen Menschen zusammen daran zu arbeiten, kannst du dich hier auf die Warteliste setzen.




Mariangela Carta – Heilpraktikerin für Psychotherapie, Autorin und Begleiterin in Lebenskrisen mit persönlicher Note.
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